Ein Wort, das sich nicht durchsetzte – aber im Gedächtnis blieb

sitt

1999 suchten Lipton und die Dudenredaktion öffentlich nach dem Gegenstück zu durstig. Rund 100.000 Menschen machten mit, etwa 45.000 Vorschläge kamen zusammen – und „sitt“ gewann. Die deutsche Sprache blieb trotzdem weitgehend durstig nach einem etablierten Wort.

Der Wettbewerb

Ein PR-Ereignis mit lexikografischem Anspruch

Von April bis August 1999 riefen Lipton und die Dudenredaktion dazu auf, eine auffällige Lücke zu füllen: Wie heißt der Zustand nach dem Trinken, wenn der Durst verschwunden ist? Die Aktion war zugleich Sprachspiel, Publikumswettbewerb und Werbung.

1999Jahr des Duden/Lipton-Wettbewerbs
≈100.000Teilnehmende bzw. Einsendende laut zeitgenössischen Berichten
≈45.000unterschiedliche bzw. ausgewertete Vorschläge
40×wurde „sitt“ eingesandt; unter diesen Einsendern wurde der Preisträger gezogen
Quellenhinweis: Zeitgenössische Texte verwenden bei den Mengen teils unterschiedliche Formulierungen („Einsender“, „Teilnehmer“, „Vorschläge“). Sicher ist die Größenordnung: knapp/rund 100.000 Beteiligte und rund 45.000 Wortvorschläge.

Warum gewann „sitt“?

Die Jury suchte nach einem kurzen, gut sprechbaren Wort, das ohne Markenbezug auskommt und sich unauffällig in das Deutsche einfügt. „Sitt“ gewann besonders durch seine Nähe zu „satt“.

Kurz & sprechbareinsilbig, leicht zu merken
Anschluss an „satt“ein ähnlich gebautes Gegenstück
Stabreim„sitt und satt“ klingt paarig
Ohne Markekeine Produkt- oder Firmennamen

Was trat dagegen an?

Die Bandbreite reichte von nüchternen Umschreibungen bis zu Wortspielen. Zeitgenössisch genannt wurden unter anderem:

sitt ✓nimedudulonurstigdulipabgefülltgewässertgelöschtgetränktsattgetrunkenantidurstigplopp

Einige weitere Einsendungen spielten direkt auf Getränkemarken an und fielen gerade deshalb durch das Auswahlraster.

„Wenn die Sprachgemeinschaft ‚sitt‘ verwendet und sich genügend schriftliche Belege zusammentragen lassen, kann das neue Wort auch in den Duden kommen.“Matthias Wermke, Leiter der Dudenredaktion, zitiert in WELT, 8.10.1999
Vorgeschichte & Nachspiel

Die Idee war älter als „sitt“

1999 war weder der erste Gedanke an ein Gegenwort zu „durstig“ noch das Ende der Debatte. Die Zeitleiste zeigt, wie aus einem sprachlichen Rätsel ein mediales Langzeitkuriosum wurde.

1975

„Schmöll“ als satirischer Vorläufer

In der Satirebeilage Welt im Spiegel wurde bereits vorgeschlagen, „schmöll“ für „nicht mehr durstig“ zu verwenden. Der Vorschlag tauchte 1993 in der Debatte erneut als Leserhinweis auf.

1993

Die GfdS entdeckt die „Sprachlücke“ öffentlich

Die Gesellschaft für deutsche Sprache fragte nach einem Gegenwort zu „durstig“. Die taz berichtete am 2. August 1993 darüber. Vorschläge wie „trinksatt“ und „voll“ galten als wenig geeignet; ein dauerhaft akzeptiertes Siegerwort entstand nicht.

Apr–Aug
1999

Lipton + Duden starten die große Suchaktion

Verbraucherinnen, Verbraucher und Schülerinnen und Schüler konnten per Postkarte, Telefon und Internet Vorschläge einreichen. Der Wettbewerb war ausdrücklich öffentlichkeits- und werbewirksam angelegt.

7.10.
1999

„Sitt“ wird in Hamburg präsentiert

Die Jury verkündet das Siegerwort. Der 17-jährige Jascha Froer aus Ludwigsburg wird aus den 40 Personen gezogen, die „sitt“ eingesandt hatten, und als Preisträger vorgestellt.

2000er

Bekanntheit ohne Alltagserfolg

„Sitt“ bleibt ein beliebtes Quiz- und Sprachkuriosum, aber ein seltener tatsächlicher Gebrauchsfall. Das ist entscheidend: Wörterbücher dokumentieren in erster Linie etablierten Sprachgebrauch, sie können ihn nicht einfach per Wettbewerb verordnen.

2021

Der Duden selbst zieht Bilanz

Im Schülerduden Rechtschreibung wird „sitt“ als Sieger der Suchaktion erwähnt – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sich die Wortneuschöpfung im Allgemeinwortschatz bis dahin nicht durchsetzen konnte.

heute

Kein regulärer Duden-Eintrag

Die aktuelle Duden-Suche liefert für „sitt“ keinen Wörterbuchartikel. Das Wort existiert als dokumentierte Neuschöpfung, aber nicht als etabliertes Standardwort.

Sprachwissenschaft

War da überhaupt eine echte Lücke?

Im modernen Alltagsdeutsch fehlt tatsächlich ein verbreitetes, eindeutiges Adjektiv parallel zu „satt“. Historisch ist die Lage jedoch komplizierter: „satt“ konnte selbst auch auf gestillten Durst bezogen werden.

Historisches „satt“

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm beschreibt „satt“ zunächst als einen Zustand, in dem jemand seinen Hunger oder Durst gestillt hat – wobei die Verwendung für Hunger schon damals als die gewöhnlichere galt.

Das Projekt „Deutsche WortSchätze“ der Universität Graz fasst diese historische Bedeutung entsprechend zusammen. Damit ist die PR-Erzählung einer absolut „leeren“ Stelle im Wortschatz zu einfach: Es gab semantisches Material, nur kein modernes, unmissverständliches Paar durstig ↔ X.

Warum trotzdem das Bedürfnis?

Sprachsysteme sind nicht symmetrisch. Für viele Gegensätze existiert kein einzelnes Gegenwort. Deutschsprechende lösen das Problem normalerweise problemlos mit „Ich habe keinen Durst mehr“, „mein Durst ist gestillt“ oder kontextabhängig „ich habe genug getrunken“.

„Sitt“ war daher weniger die Reparatur eines Kommunikationsnotstands als der Versuch, eine auffällige lexikalische Asymmetrie elegant sichtbar zu machen – und daraus ein einprägsames öffentliches Sprachereignis zu bauen.

1. Bekanntheit ≠ Gebrauch

Viele kennen „sitt“ gerade aus der Erklärung „das Wort für nicht durstig“. Metasprachliche Bekanntheit erzeugt aber noch keinen spontanen Alltagsgebrauch.

2. Umschreibungen funktionieren gut

„Kein Durst mehr“ ist transparent und natürlicher als ein ungewohntes Kunstwort. Der kommunikative Druck zur Einführung eines neuen Lexems war gering.

3. Wörter lassen sich schwer verordnen

Eine Jury kann einen Vorschlag auswählen, aber die Sprachgemeinschaft entscheidet durch tatsächliche Verwendung, ob daraus ein etabliertes Wort wird.

4. Der Witz blieb stärker als die Funktion

„Sitt und satt“ ist merkfähig und eignet sich für Quizfragen – genau diese Kuriosität kann das Wort zugleich in einer Nische festhalten.

Weitere Bedeutungen

„Sitt“ ist nicht nur das deutsche Kunstwort

Je nach Großschreibung, Sprache und grammatischem Kontext kann dieselbe Buchstabenfolge etwas ganz anderes sein. Diese Verwendungen sind etymologisch nicht mit dem Duden/Lipton-Kunstwort verbunden.

Deutsch · Kunstwort

sitt

Adjektiv für „nicht mehr durstig“. 1999 als Sieger der Suchaktion ausgewählt; selten und nicht standardsprachlich etabliert.

„Nach zwei Gläsern Wasser bin ich sitt.“

Familienname

Sitt

„Sitt“ kommt als Nachname vor, unter anderem beim böhmisch-deutschen Geiger, Dirigenten, Musikpädagogen und Komponisten Hans Sitt (1850–1922). Der Familienname ist unabhängig vom Kunstwort.

Eigenname, daher großgeschrieben: „Hans Sitt“.

Hans Sitt im Porträt
Schwedisch

sitt

Im Schwedischen ist sitt die Neutrumform des reflexiven Possessivpronomens sin („sein/ihr eigenes“) und zugleich der Imperativ des Verbs sitta („sitzen“).

„Hon städade sitt hus.“ = „Sie putzte ihr eigenes Haus.“
„Sitt!“ = „Sitz!“

Nicht verwechseln: „Sit“ und die Großbuchstaben-Abkürzung „SIT“ haben zahlreiche weitere Bedeutungen (Ortsnamen, Institute, Fachabkürzungen). Sie sind orthografisch aber nicht dasselbe Wort wie sitt.
Quellenkritik

Mythos vs. Fakt

Rund um „sitt“ haben sich erstaunlich viele falsche oder verkürzte Angaben verbreitet. Die folgenden Punkte sind anhand zeitgenössischer Berichte und aktueller Duden-Informationen besonders gut überprüfbar.

Falsch. Mehrere heutige Sekundärseiten nennen 1996, doch zeitgenössische Presseberichte datieren die Siegerpräsentation eindeutig auf den 7. Oktober 1999; BuchMarkt beschreibt die Einreichungsphase von April bis August „dieses Jahres“. Der Duden selbst spricht rückblickend von der Zeit um die Jahrtausendwende.
So nicht belegt. Zeitgenössische Berichte nennen Lipton und die Dudenredaktion als Träger der Aktion. Die GfdS hatte bereits 1993 eine eigene Debatte bzw. Suchaktion zum Gegenwort von „durstig“ angestoßen – vermutlich entstand daraus später die Vermischung.
Falsch. Schon bei der Vorstellung sagte Duden-Chef Matthias Wermke sinngemäß: Ein Eintrag komme erst infrage, wenn sich das Wort in der Sprachgemeinschaft tatsächlich durchsetzt und genügend schriftliche Belege vorliegen. Die aktuelle Duden-Suche hat keinen entsprechenden Wörterbuchartikel.
Verkürzt. „Sitt“ wurde laut WELT von 40 Personen eingesandt. Aus diesen wurde der 17-jährige Jascha Froer aus Ludwigsburg als offizieller Preisträger gezogen. Er war also nicht nachweislich der einzige oder erste Urheber der Buchstabenfolge.
Historisch zu stark formuliert. Das Grimm-Wörterbuch belegt „satt“ auch für gestillten Durst. Im modernen Sprachgebrauch ist „satt“ jedoch stark auf Hunger bezogen; genau diese heutige Asymmetrie machte den Wettbewerb attraktiv.
FAQ

Die wichtigsten Fragen in Kürze

Für alle, die nur die Kernpunkte brauchen – ohne die Geschichte zu verkürzen.

Ist „sitt“ ein echtes deutsches Wort?

Es ist eine dokumentierte deutsche Wortneuschöpfung mit klarer Bedeutung. „Echt“ im Sinn von breit etabliertem Standardwort ist es jedoch nicht.

Steht „sitt“ im Duden?

Nein. Die aktuelle Duden-Suche führt keinen Wörterbucheintrag für das Adjektiv; der Duden thematisiert die Wortschöpfung aber in sprachkundlichen Materialien.

Was ist heute das normale Gegenteil von „durstig“?

Meist gibt es kein einzelnes Adjektiv: Man sagt „nicht mehr durstig“, „keinen Durst mehr haben“ oder „der Durst ist gestillt“.

Wie spricht man „sitt“ aus?

Für das deutsche Kunstwort wird typischerweise [zɪt] angegeben; einzelne Quellen nennen auch [sɪt].

Warum wurde gerade „sitt“ gewählt?

Es ist kurz, gut aussprechbar, markenfrei und erinnert formal an „satt“. Besonders werbewirksam war das Paar „sitt und satt“.

Ist „sitt“ vom Lateinischen abgeleitet?

Nein. Zeitgenössisch wurde zwar spielerisch auf lateinisch sitim sedare („den Durst löschen“) verwiesen. Die Auswahl beruhte aber auf der deutschen Analogie zu „satt“.

Quellen & Methode

Was ist wie belegt?

Priorisiert wurden zeitgenössische Berichte von 1993/1999 und eine spätere Duden-Eigenaussage. Sekundärquellen wurden vor allem für Ergänzungen und Bedeutungsvarianten genutzt. Widersprüche – insbesondere die falsche Jahreszahl 1996 – werden nicht glattgebügelt, sondern sichtbar gemacht.

Primärnah · 1999

WELT: „Genug getrunken? Duden-Redaktion: Dann ist man sitt“

8.10.1999. Belegt 100.000 Einsender, Juryentscheidung, Begründung der Auswahl, 40 „sitt“-Einsender und die Bedingung für einen möglichen Duden-Eintrag.

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Zeitgenössisch · 1999

Tagesspiegel: „Endlich gibt es ein Wort für nicht mehr durstig“

7.10.1999. Belegt Präsentationsdatum, Hamburg, rund 100.000 Teilnehmende, Jascha Froer und die Aussage, dass „sitt“ vorher nicht zum deutschen Sprachschatz gehörte.

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Branchenpresse · 1999

BuchMarkt: „Es ist gefunden … sitt“

7.10.1999. Besonders nützlich für den Zeitraum April–August, die Einreichungswege, Auswahlkriterien und den PR-Charakter der Aktion.

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Duden · 2021

Schülerduden Rechtschreibung, Abschnitt „Wortschatz“

Der Duden nennt rund 45.000 Vorschläge, „sitt“ als Sieger und urteilt rückblickend, die Wortneuschöpfung habe sich im Allgemeinwortschatz nicht durchsetzen können.

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Duden · aktuell

Duden-Suche nach „sitt“

Zeigt aktuell keinen Wörterbuchartikel für das gesuchte Adjektiv; Treffer betreffen andere Wörter wie „Sitte“ oder „Sitten…“.

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Zeitgenössisch · 1993

taz: „Was ist das Gegenteil von durstig?“

2.8.1993. Dokumentiert die frühere GfdS-Debatte und zeigt, dass die Suche nach einem Gegenwort mindestens sechs Jahre vor dem Lipton/Duden-Wettbewerb öffentlich geführt wurde.

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Sprachgeschichte

Universität Graz: Deutsche WortSchätze – „satt“

Fasst die historische Grimm-Bedeutung zusammen: „satt“ konnte ursprünglich bedeuten, Hunger oder Durst gestillt zu haben.

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Lexikografie

Wiktionary: „sitt“ / „sin“ / „sitta“

Ergänzende Angaben zur deutschen Aussprache sowie zu den unabhängigen schwedischen Formen sitt als Possessivform und Imperativ.

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Redaktioneller Stand: September 2026. Diese Website ist eine unabhängige Recherche und steht in keiner Verbindung zu Duden, Lipton oder den genannten Medien. Markennamen werden ausschließlich zur historischen Einordnung verwendet.